Brother Islands: Haie, Steilwände und historische Wracks mitten im Roten Meer
Wer von Port Ghalib oder Hurghada aus in Richtung Osten fährt, lässt das Festland und seine Saumriffe bald hinter sich und erreicht nach stundenlanger Überfahrt zwei kaum sichtbare Felsen im offenen Meer: die Brother Islands, auf Arabisch El Akhawein, die Brüder. Die beiden Inseln sind die Spitzen steiler Felsnadeln, die aus großer Tiefe bis knapp über die Wasseroberfläche aufragen. Es gibt hier keine Lagune, keinen flachen Riffdach-Saum und keinen geschützten Ankerplatz – nur Wände, Strömung und Blauwasser. Genau diese Lage macht die Brothers zu einem der legendärsten Tauchziele des gesamten Roten Meeres: Nährstoffreiche Strömungen treffen auf die Steilwände, ernähren üppige Korallengärten und ziehen die großen Jäger des offenen Ozeans an.
Einsame Vorposten im Blauwasser
Die Brothers liegen isoliert im offenen Roten Meer östlich der Küstenstadt El Quseir, viele Dutzend Kilometer vom nächsten Riffsystem entfernt. Big Brother, die größere der beiden Inseln, ist ein langgestreckter, flacher Felsen mit einem markanten Leuchtturm; Little Brother liegt ein Stück weiter südöstlich und ist noch kleiner. Weil die Inseln völlig allein im tiefen Wasser stehen, wirken sie wie Oasen: Alles, was durch diesen Teil des Meeres zieht, jagt oder wandert, kommt früher oder später an ihnen vorbei. Planktonreiches Wasser wird an den Wänden nach oben gedrückt, Fahnenbarsche und Schwarmfische stehen dicht wie Schneegestöber über den Korallen, und an den Kanten, wo das Riff ins Bodenlose abbricht, patrouillieren die Räuber. Für Taucherinnen und Taucher bedeutet das eine Dichte an Leben, die küstennahe Riffe selten erreichen – aber auch Bedingungen, die das offene Meer diktiert: Strömungen, die zwischen zwei Tauchgängen Richtung und Stärke wechseln, kabbelige Oberfläche und Sicherheitsstopps, die oft frei im Blauen driftend absolviert werden. Die Brothers belohnen Erfahrung und verzeihen Leichtsinn nur selten – genau darauf gründet ein großer Teil ihres Rufes.
Big Brother und sein britischer Leuchtturm
Big Brother ist schon von Weitem an seinem steinernen Leuchtturm zu erkennen, den die Briten in den 1880er-Jahren errichteten, als das Rote Meer nach der Eröffnung des Suezkanals zu einer der meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt geworden war. Der Turm ist bis heute bemannt und in Betrieb – und er erklärt ganz nebenbei, warum unter Wasser gleich zwei Wracks liegen: Diese flachen Inseln waren und sind eine echte Gefahr für die Seefahrt. Unter der Oberfläche ist Big Brother im Wesentlichen eine einzige, umlaufende Steilwand, unterbrochen von zwei Plateaus. Die Nordspitze fängt die Hauptströmung ab und bietet das dichteste Fischleben: Schnapperschwärme, jagende Makrelen im Freiwasser und Graue Riffhaie, die reglos in der Strömung stehen. Das Südplateau fällt sanfter ab, trägt schöne Hartkorallengärten und gilt als gute Adresse für Fuchshaie, die am frühen Morgen aus der Tiefe aufsteigen. Getaucht wird grundsätzlich in der Drift – das Schiff setzt die Gruppe strömungsaufwärts ab und sammelt sie dort wieder ein, wo Riff und Meer den Tauchgang enden lassen. Zwischen den beiden Plateaus lohnt sich zudem der Blick auf die Wand selbst: Muränen lauern in den Spalten, Napoleon-Lippfische ziehen gemächlich vorbei, und Weichkorallen überwuchern jede Kante und jeden Überhang.
Die Numidia: ein Wrack wie ein Wasserfall aus Stahl
An der Nordspitze von Big Brother liegt eines der spektakulärsten Wracks des Roten Meeres. Die Numidia, ein britischer Frachtdampfer, lief im Jahr 1901 auf die Insel auf und legte sich anschließend an die fast senkrechte Riffwand, an der sie bis heute wie ein herabhängender Vorhang klebt. Die flachsten Trümmer beginnen wenige Meter unter der Oberfläche, während das Heck weit jenseits aller Sporttauchgrenzen in der Tiefe verschwindet – niemand sieht bei einem einzigen Tauchgang das ganze Schiff. Mehr als ein Jahrhundert Bewuchs hat den Stahl in Riff verwandelt: Spanten und Masten sind dick mit violetten und orangefarbenen Weichkorallen bepelzt, Fahnenbarsche umschwärmen die Aufbauten, und die Eisenbahnräder aus ihrer Ladung liegen noch immer verstreut auf den Korallen. Weil das Wrack genau dort hängt, wo sich die Strömung an der Insel teilt, ist es hier selten ruhig. An guten Tagen hängt man neben einem über hundert Jahre alten Schiff in der Strömung, während hinter dem eigenen Rücken Graue Riffhaie im Blau kreisen.
Die Aida: das Versorgungsschiff des Leuchtturms
Nur ein Stück weiter an derselben Wand ruht das zweite Wrack von Big Brother, und seine Geschichte hängt unmittelbar mit dem Leuchtturm darüber zusammen. Die Aida diente als Versorgungsschiff für ägyptische Leuchtturmstationen und ging 1957 verloren, als sie bei schwerem Wetter versuchte, Personal auf der Insel abzusetzen, und gegen den Felsen gedrückt wurde. Heute liegt sie am steilen Hang: Ihre oberen Sektionen sind für erfahrene Sporttaucher erreichbar, während der tiefere Teil des Rumpfes die Wand hinab ins Dämmerlicht zieht – ein Profil, das die Aida zu einem Klassiker für technische Taucher gemacht hat. Wie ihre ältere Nachbarin ist sie längst Teil des Riffs geworden, weich gezeichnet von Jahrzehnten Korallenbewuchs, bewohnt von Zackenbarschen und umkreist von vorbeiziehenden Stachelmakrelen. Zwei historische Wracks an einer einzigen Wand, beide Opfer desselben tückischen Felsens: Das verleiht Big Brother eine Tiefe, die weit über das rein Landschaftliche hinausgeht.
Little Brother: Gorgonienwald und Haizirkus
Little Brother ist die kleinere Insel, doch viele halten sie im Stillen für den besseren Tauchplatz. Ihre Wände sind verschwenderisch bewachsen; vor allem die Ostseite trägt terrassenweise riesige Gorgonienfächer, die im Morgenlicht wie ein versunkener Wald leuchten und zum Schönsten gehören, was das Rote Meer an Korallenlandschaften zu bieten hat. Die Insel ist so kompakt, dass man bei freundlichen Bedingungen in einem einzigen Tauchgang einen großen Teil ihres Umfangs abtauchen kann. Im Norden öffnet sich ein Plateau, das als Bühne für die Haie dient: Bogenstirn-Hammerhaie ziehen in der kühlen Tiefe vor der Spitze ihre Bahnen, Fuchshaie mit ihren sichelförmigen Schwanzflossen besuchen in der Dämmerung die Putzerstationen, und Graue Riffhaie stehen einen Großteil des Jahres in der Strömung. Im Spätsommer und Herbst kommen die Weißspitzen-Hochseehaie dazu, die selbstbewusst dicht unter der Oberfläche patrouillieren und nicht selten die ankernden Safarischiffe selbst umkreisen. Kaum ein anderer Ort versammelt so viele Haiarten um ein so kleines Stück Fels.
Meeresschutzgebiet mit klaren Regeln
Die Brothers gehören zu Ägyptens Marine-Park-Inseln, einer geschützten Gruppe, zu der auch das Daedalus-Riff, Zabargad und Rocky Island zählen. Der Schutzstatus prägt jede Reise: Die Inseln sind ausschließlich per lizenziertem Tauchsafari-Schiff erreichbar, Tagesboote gibt es hier draußen nicht, Nachttauchgänge sind untersagt, und die Veranstalter verlangen üblicherweise ein Brevet der Fortgeschrittenenstufe sowie ein solides Logbuch – als Richtwert werden meist rund fünfzig Tauchgänge genannt. Die Touren starten in der Regel in Port Ghalib oder Hurghada und verbringen mehrere Tage an den Inseln; die Überfahrt kann bei auffrischendem Wind unangenehm werden. Auch das Tauchen selbst verlangt ehrliche Selbsteinschätzung: Die Strömung ist der Motor all dessen, was diesen Ort besonders macht, aber sie will respektiert werden, und der sichere Umgang mit der eigenen Signalboje im Blauwasser ist hier keine Kür, sondern Pflicht. Getaucht wird an den Brothers grundsätzlich das ganze Jahr über: Im Sommer ist das Wasser angenehm warm, im Winter merklich kühler, sodass viele Gäste dann zu dickeren Anzügen greifen; für Begegnungen mit dem Weißspitzen-Hochseehai gelten Spätsommer und Herbst als die verlässlichste Zeit. Wer das mitbringt, bekommt das Rote Meer in seiner konzentriertesten Form: senkrechte Korallenwände, echte Geschichte aus Stahl und die Silhouette eines Hais am Rand der Sichtweite.
Auf der Karte
Die Brothers sind nur ein Punkt in einem Roten Meer voller Steilwände, Wracks und Hochsee-Riffe – und sie erschließen sich am besten, wenn man sieht, wie einsam sie zwischen der ägyptischen Küste und den Schifffahrtsrouten liegen. Öffne die interaktive Karte, um Big Brother und Little Brother im Zusammenhang zu betrachten, sie mit Daedalus, Elphinstone und den übrigen Marine-Park-Plätzen zu vergleichen und die Safariroute zu planen, die zu deiner Erfahrung und deiner Lust auf Blauwasser passt.