Das Blue Hole von Dahab: Faszination und Gefahr im Roten Meer
Wer die Küstenpiste von Dahab nach Norden fährt, vorbei an kargen Bergflanken und einzelnen Beduinencamps, sieht es schon von oben: einen fast kreisrunden, tintenblauen Fleck im hellen Türkis des Saumriffs. Das Blue Hole ist ein untermeerisches Loch von weit über hundert Metern Tiefe, das unmittelbar am Ufer beginnt. Am Kiesstrand reihen sich einfache Cafés, Kamele dösen im Schatten, und an der Felswand neben dem Einstieg hängen Gedenktafeln für Taucher, die hier ihr Leben verloren haben. Kaum ein Tauchplatz der Welt vereint Schönheit, Zugänglichkeit und düsteren Ruf auf so engem Raum.
Ein Loch im Riff: zur Entstehung
Das Blue Hole ist eine natürliche Vertiefung im Küstenriff des Sinai, ein senkrechter Schacht aus offenem Wasser, den lebende Korallen fast vollständig umschließen. Solche Formationen gelten als Karsterscheinungen: Hohlräume, die in erdgeschichtlicher Vergangenheit bei deutlich niedrigerem Meeresspiegel aus dem Kalkgestein herausgelöst und später vom steigenden Ozean geflutet wurden. Das Besondere an der Ausgabe von Dahab ist ihre Lage. Der Schacht liegt so dicht am Ufer, dass man vom Strand aus hineinwaten kann, und er ist gegen Wind und Dünung geschützt, die exponiertere Abschnitte der Sinaiküste regelmäßig aufwühlen. Über sehr ernsthafter Tiefe herrscht deshalb eine beinahe seeartige Ruhe. Von der Oberfläche aus zeigt sich das Loch als abrupter Farbwechsel, vom sandigen Hellblau des Riffdachs in jenes tiefe Dunkelblau, dem der Platz seinen Namen verdankt. Genau diese Kombination aus stillem Wasser und leicht erreichbarer Tiefe zieht seit Jahrzehnten Taucher an, und genau sie macht den Ort so unerbittlich, wenn man ihn unterschätzt.
Der Arch: das Tor ins offene Meer
Zur Legende wurde das Blue Hole durch den Arch, einen Tunnel durch die Riffwand, der das Innere des Lochs mit dem offenen Meer verbindet. Seine Decke liegt bei etwa 55 Metern, weit jenseits der Grenzen des Sporttauchens, und der Durchgang zieht sich über rund 26 Meter, bevor er sich zur senkrechten Außenwand öffnet, die ins Bodenlose abfällt. Technisch ausgebildete Taucher, die ihn mit sauberer Planung durchquert haben, beschreiben eines der eindrucksvollsten Bilder des Roten Meeres: ein gewaltiges Portal, durch das von der Seeseite her Licht in Kaskaden einfällt. Das Tückische daran ist die Optik. Im glasklaren Wasser wirkt der Arch von oben zum Greifen nah, Tiefe lässt sich mit bloßem Auge kaum einschätzen. So hat der Tunnel immer wieder Taucher mit einer einzigen Pressluftflasche zu einem Vorhaben verführt, das in Wahrheit Dekompressionsstufen, geeignete Gasgemische und diszipliniertes Vorgehen verlangt.
Tiefenrausch und Leichtsinn: die Unfallgeschichte
Das Blue Hole wird oft als gefährlichster Tauchplatz der Welt bezeichnet, und der bittere Beiname Taucherfriedhof kommt nicht von ungefähr. Über die Jahre hat der Ort viele Menschenleben gefordert, in der großen Mehrzahl Taucher, die auf dem Weg zum Arch ihre Ausbildung weit hinter sich ließen. In solchen Tiefen trübt der Tiefenrausch, die narkotische Wirkung des unter Druck geatmeten Stickstoffs, das Urteilsvermögen massiv; zusammen mit rapide schwindendem Atemgas und einer Felsdecke über dem Kopf werden aus kleinen Fehlern schnell tödliche. Ein Fall erlangte traurige Berühmtheit: Im Jahr 2000 starb der russisch-israelische Taucher Yuri Lipski im Blue Hole, und die Aufnahmen seiner eigenen Kamera verbreiteten sich später als erschütternde Warnung im Internet. Einheimische technische Taucher, allen voran Tarek Omar, haben zahlreiche Verunglückte aus der Tiefe geborgen. Die Tafeln am Fels sind keine Dekoration, sondern das ehrlichste Briefing, das dieser Platz zu bieten hat.
Über die Bells zum Blue Hole: die klassische Route
Und nun das Paradox, das viele Besucher überrascht: Innerhalb der Grenzen des Sporttauchens ist das Blue Hole kein Extremtauchgang, sondern ein ausgesprochen entspannter. Die klassische Route beginnt einige hundert Meter weiter nördlich an den Bells, einem schmalen Spalt im Riffdach, durch den man wie durch einen Kamin abtaucht und an der Außenwand wieder herauskommt. Von dort treibt man gemütlich nach Süden, an einer der schönsten Steilwände des Sinai entlang, geschmückt mit Weichkorallen und Gorgonien, das offene Blau stets an der Schulter. Die Route endet am sogenannten Sattel, einer flachen Schwelle im Rand des Blue Hole, die nur etwa sechs bis sieben Meter unter der Oberfläche liegt. Über diesen korallenbewachsenen Übergang gleitet man in das geschützte Becken hinein und beendet den Tauchgang an dessen Innenhang. Kein Abschnitt dieses Profils muss tief sein. Es ist ein sanfter, wunderschöner Tauchgang, den Jahr für Jahr Tausende sicher genießen.
Apnoe: Dahabs zweite Identität
Während Gerätetaucher dem Loch mit Respekt begegnen, ist es für Apnoetaucher zum Wallfahrtsort geworden. Dahab hat sich zu einem der wichtigsten Freediving-Ziele der Welt entwickelt, und das Blue Hole ist sein Herzstück: tief, ruhig, warm und ohne Boot erreichbar. Die Schulen im Ort unterrichten vom ersten Atemanhaltekurs bis zum fortgeschrittenen Tieftraining, und Athletinnen und Athleten aus aller Welt verbringen ganze Saisons hier, um an gewichteten Seilen mit einem einzigen Atemzug in die Dunkelheit hinabzugleiten. Ihnen zuzusehen gehört zum Erlebnis dazu: An der Oberfläche wartet ein Sicherungsteam, eine Monoflosse schlägt einmal aus, und ein Mensch sinkt mit einer Bewegungsökonomie in die Tiefe, die kein Gerät je erreichen wird. Das Apnoetauchen hier ist hochorganisiert und diszipliniert, mit strengen Partnerregeln, und es hat Dahab neben dem Gerätetauchen ein zweites Standbein verschafft.
Das Riff am Kraterrand
Bei all der Tiefe vergisst man leicht, dass das Blue Hole auch ein lebendiges Riff ist. Das Innere des Schachts bleibt unterhalb der lichtdurchfluteten oberen Meter eher karg, doch der Rand und die Außenwand erzählen eine andere Geschichte. Der Sattel ist dicht mit Steinkorallen bewachsen, und überall dort, wo Licht auf die Riffkante fällt, stehen Wolken orangefarbener Fahnenbarsche im Wasser. An der Außenseite verstecken sich Weichkorallen in Violett- und Rottönen unter Überhängen, Rotfeuerfische schweben an der Wand, Nasendoktoren und Füsiliere patrouillieren an der blauen Kante. Schnorchler, die den Rand umrunden, sehen oft nicht weniger als Taucher, denn in den obersten Metern ist die Dichte des Lebens am größten. Wer genau hinschaut, findet Muränen in Spalten, am späten Nachmittag jagende Kraken und mit etwas Glück eine vorbeiziehende Schildkröte.
Mit Respekt tauchen: praktische Hinweise
Die Anreise ist Teil des Erlebnisses: Vom Ortszentrum aus bringen Jeeps und Pickups Besucher über die Küstenpiste zum Einstieg, und in den Cafés am Ufer lassen sich Ausrüstung ablegen, Tee trinken und Oberflächenpausen verbringen. Am ruhigsten ist es meist am frühen Vormittag, bevor die Tagesausflügler eintreffen. Im Winter verlangt das Wasser einen dickeren Anzug, im Hochsommer ist es angenehm warm, und Strömung spielt im geschützten Becken kaum eine Rolle. Wer mag, verbindet den Besuch mit einem Abstecher zu den Nachbarplätzen entlang derselben Piste.
Das Blue Hole belohnt Demut. Tauche innerhalb deiner Ausbildung und Erfahrung, und behandle den Arch als das, was er ist: ein technischer Tauchgang mit eigener Ausbildung, Planung und Ausrüstung, kein Punkt auf einer Mutprobenliste. Wähle eine seriöse Basis vor Ort, höre auf Guides, die den Platz täglich betauchen, und kontrolliere deine Tiefe konsequent, denn das klare Wasser schmeichelt jedem Tiefengefühl. Schnorchler sollten Abstand zu den Seilen der Apnoetaucher halten. Ebenso wichtig ist die Rücksicht auf das Riff selbst: saubere Tarierung über dem flachen Sattel, nichts berühren, nicht auf Korallen stehen, nichts am Strand zurücklassen. Der Platz liegt an einem stark besuchten Küstenabschnitt, und seine Zukunft als lebendiges Riff hängt vom Verhalten derer ab, die ihn lieben. Wer vorbereitet und bescheiden kommt, erlebt das Blue Hole von seiner richtigen Seite.
Auf der Karte
Das Blue Hole ist nur ein Punkt an einer Küste voller Weltklasseplätze, vom Canyon wenige Kilometer südlich bis zu den Wänden von Ras Abu Galum im Norden. Öffne unsere interaktive Karte, um zu sehen, wie sich der Platz in das Riffsystem des Golfs von Aqaba einfügt. Vergleiche Standorte, zoome in die Sinaiküste hinein und plane deine eigene Route durch das Rote Meer.