Tubbataha-Riffe: Tauchsafari zu den einsamen Atollen der Sulusee
Wer auf einer Seekarte der Philippinen den Finger in die Mitte der Sulusee legt, landet in einer der leersten Ecken Südostasiens. Genau dort, rund 150 Kilometer südöstlich von Puerto Princesa auf Palawan, erheben sich zwei Korallenatolle aus tiefem Wasser: die Tubbataha-Riffe. Kein Flugplatz, kein Resort, keine Tagesausflüge, nicht einmal eine dauerhafte Siedlung. Der Naturpark ist ausschließlich per Tauchsafari erreichbar, und das nur in einem kurzen Zeitfenster im Frühjahr. Gerade diese Unzugänglichkeit hat Tubbataha zu dem gemacht, was es heute ist: das vielleicht intakteste Riffsystem des Landes.
Wo die Karte fast leer ist
Tubbataha gehört politisch zur Provinz Palawan, genauer zur abgelegenen Gemeinde Cagayancillo, liegt aber weit draußen im offenen Meer. Der Name stammt aus der Sprache der Samal und wird gewöhnlich mit einem langen, bei Ebbe freiliegenden Riff übersetzt. Treffender lässt sich der Ort kaum beschreiben: Bei Hochwasser durchbrechen nur wenige Sandinseln und ein Leuchtturm die Wasseroberfläche. Der Park schützt insgesamt nahezu hunderttausend Hektar Riff, Lagune, Sandbänke und offenes Wasser. Weil die Atolle direkt aus großer Tiefe aufsteigen, gibt es weder Flusssedimente noch Abwässer noch Küstenbebauung, die das Wasser trüben könnten. Die Sichtweiten sind entsprechend häufig hervorragend, und die Korallenbedeckung auf den Riffdächern und Hängen ist so dicht und gesund, wie man es in weiten Teilen Asiens kaum noch findet. Hunderte Korallen- und Fischarten wurden hier nachgewiesen, weshalb der Park in der Wissenschaft gern als Referenz dafür gilt, wie ein philippinisches Riff im Idealzustand aussieht.
Vom Fischgrund zum Welterbe
Bis in die achtziger Jahre hinein war Tubbataha vor allem ein entlegener Fischgrund, den Fischer aus Cagayancillo und später auch motorisierte Boote von weiter her aufsuchten. Mit zunehmendem Druck durch destruktive Fangmethoden wuchs die Sorge um die Riffe, und 1988 erklärten die Philippinen das Gebiet zum ersten marinen Nationalpark des Landes. 1993 nahm die UNESCO Tubbataha in die Liste des Welterbes auf, 2009 wurden die Parkgrenzen erweitert, sodass seither auch das nördlich gelegene Jessie-Beazley-Riff dazugehört. Zusätzlich ist das Gebiet als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung nach der Ramsar-Konvention anerkannt. Entscheidend ist aber weniger der Titel als die Praxis: Tubbataha ist eine strikte Nullnutzungszone. Fischerei, Sammeln und Ankern auf Korallen sind verboten, und jeder Besucher zahlt eine Naturschutzgebühr, die direkt in das Management des Parks fließt. Dass diese Regeln nicht nur auf dem Papier stehen, spürt man unter Wasser sofort.
Nordatoll, Südatoll und Jessie Beazley
Der Park besteht aus drei Riffkörpern. Das Nordatoll ist das größere der beiden Atolle, ein langgestreckter Korallenring um eine flache Lagune, an dessen Nordende die Sandinsel Bird Islet liegt. Das Südatoll folgt jenseits eines mehrere Kilometer breiten Kanals, kleiner, ebenfalls mit eigener Lagune, an seiner Südspitze steht der Leuchtturm des Parks. Weiter nördlich liegt das kompakte, völlig isolierte Jessie-Beazley-Riff. Für Taucher bedeutet diese Geographie vor allem eines: Steilwände. Die Außenkanten der Atolle fallen senkrecht oder fast senkrecht ins tiefe Blau ab, und da ringsum offenes Meer liegt, ziehen Großfische und pelagische Arten dicht an den Riffkanten vorbei. Viele Safarischiffe teilen ihre Route zwischen den drei Riffen auf und besuchen bekannte Plätze wie Amos Rock, Shark Airport, die Washing Machine oder das Gebiet um das Delsan-Wrack.
Haie über dem Blau
Fragt man Rückkehrer, was Tubbataha ausmacht, fällt fast immer zuerst das Wort Haie. Weißspitzen-Riffhaie ruhen auf Sandflächen und Simsen, Graue Riffhaie patrouillieren entlang der Wände, und mit etwas Glück tauchen Walhaie oder draußen im Freiwasser Hammerhaie auf. Mantas und andere Rochen gleiten an den Riffkanten entlang, dichte Schulen von Makrelen, Barrakudas und Schnappern stehen wie Türme über den Abbruchkanten. Grüne Meeresschildkröten und Echte Karettschildkröten begegnen einem auf praktisch jedem Tauchgang, und die Strände der Inselchen dienen ihnen als Niststrände. Auch über der Wasserlinie ist der Park bemerkenswert: Auf Bird Islet und den umliegenden Sandbänken brüten Tölpel, Seeschwalben und Fregattvögel in großen Kolonien, was Tubbataha zu einem der wichtigsten Seevogelgebiete der Philippinen macht. Ein Oberflächenintervall, bei dem tausende Seevögel über einer Sandinsel kreisen, während unter dem Kiel Haie ihre Runden drehen, gehört zu den Erlebnissen, die diesen Ort unverwechselbar machen.
Steilwand, Strömung, Sichtweite
Der typische Tauchgang in Tubbataha folgt einem klaren Muster: Abstieg an der Wand, Blick ins Blauwasser nach Großfisch, dann ein langsames Auftauchen über das korallenreiche Riffdach, wo das Licht am schönsten und das Fischleben am dichtesten ist. Die Strömungen an den Atollkanten können kräftig sein, weshalb die meisten Anbieter Erfahrung im Strömungstauchen und eine sichere Tarierung voraussetzen; ein reines Anfängerrevier ist Tubbataha nicht. Eine Signalboje gehört in jede Tasche, denn Drifttauchgänge mit Aufstieg im Freiwasser sind hier Standard. Nitrox lohnt sich angesichts mehrerer Tauchgänge pro Tag über eine ganze Woche. Belohnt wird der Aufwand mit einer Biomasse, die auf befischten Riffen schlicht nicht vorkommt: große Zackenbarsche und Süßlippen, die nicht flüchten, Napoleon-Lippfische an der Kante, und immer wieder dieser Blick eine senkrechte Wand hinab, an der Hartkorallen bis in die Dämmerzone wachsen. Wer lieber aufs Riff statt ins Blaue schaut, kommt ebenfalls auf seine Kosten: Anemonen mit ihren Clownfischen, Muränen in den Spalten, dichte Wolken von Fahnenbarschen über den Korallengärten des Riffdachs. Das Wasser ist während der Saison angenehm warm, ein dünner Anzug genügt den meisten, und Fotografen lassen das Weitwinkelobjektiv am besten dauerhaft montiert, denn die großen Szenen dominieren hier.
Das kurze Fenster im Frühjahr
Tubbataha lässt sich nur etwa drei Monate im Jahr betauchen, grob von Mitte März bis Mitte Juni. Außerhalb dieser Zeit machen die Monsunwinde die offene Überfahrt durch die Sulusee rau und die exponierten Liegeplätze unsicher, sodass die Safariflotte gar nicht erst ausläuft. In der Saison legen die Schiffe abends in Puerto Princesa ab und erreichen den Park nach einer Nachtfahrt, die je nach Schiff und Wetter häufig um die zehn Stunden dauert. Die Reisen dauern in der Regel rund eine Woche, mit mehreren Tauchtagen, die auf Nordatoll, Südatoll und Jessie Beazley verteilt werden. Die Saison fällt in die ruhigste Zeit des Jahres: warmes Wasser, meist glatte See, beste Sichtweiten. Die Kehrseite ist die Nachfrage. Die Plätze für das kurze Fenster sind begrenzt, und beliebte Termine sind oft viele Monate, manchmal über ein Jahr im Voraus ausgebucht. Wer eine bestimmte Saison anpeilt, sollte buchen, sobald die Schiffe ihre Pläne veröffentlichen. Sinnvoll ist außerdem ein Puffertag in Puerto Princesa vor dem Ablegen, denn verspätetes Gepäck lässt sich nicht mehr aufs Schiff nachliefern, und ein Mittel gegen Seekrankheit gehört selbst bei robusten Mägen ins Gepäck.
Ranger auf dem Riff
Was Tubbataha von vielen Schutzgebieten unterscheidet, ist die konsequente Durchsetzung der Regeln. Mitten im Park steht eine Rangerstation, die ganzjährig besetzt ist; die Teams aus Parkpersonal und philippinischen Marine- und Küstenwachkräften wechseln sich turnusmäßig ab, kontrollieren ankommende Schiffe und schrecken illegale Fischerei ab. Ganz verschont geblieben ist der Park nicht, unter anderem haben Schiffshavarien in der Vergangenheit Riffflächen beschädigt. Doch der jahrzehntelange Schutz zeigt Wirkung, und genau das macht einen Besuch auch zu mehr als einem Tauchurlaub: Man sieht mit eigenen Augen, was strikter Meeresschutz leisten kann, und finanziert ihn mit der eigenen Parkgebühr unmittelbar mit. Wer die Briefings ernst nimmt, keine Handschuhe trägt und Abstand zum Riff hält, trägt seinen Teil dazu bei, dass das so bleibt.
Auf der Karte
Wie einsam Tubbataha wirklich liegt, begreift man am besten mit einem Blick von oben: zwei winzige Riffringe und ein einzelnes Riff, umgeben von tiefem, offenem Wasser in alle Richtungen. Öffnen Sie unsere interaktive Karte, um Nordatoll, Südatoll und das Jessie-Beazley-Riff zu erkunden und die Lage im Verhältnis zu Palawan und den übrigen Tauchregionen der Philippinen zu sehen. Von dort aus lässt sich die restliche Route rund um die Überfahrt ab Puerto Princesa bequem weiterplanen.