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USAT Liberty in Tulamben: Balis großes Wrack, das man vom Strand aus betaucht

Der Weg zu einem der berühmtesten Wracks der Welt beginnt nicht an einer Bootsleiter, sondern auf runden schwarzen Vulkankieseln. In Tulamben, einem Fischerdorf im Nordosten Balis, schultern Träger schon vor Sonnenaufgang die Flaschen der Taucher, während der Vulkan Agung hinter dem Ort in den Himmel wächst. Nur eine kurze Schwimmstrecke vom Ufer entfernt liegt die USAT Liberty auf einem sanft abfallenden Sandhang: ein amerikanischer Armeetransporter, 1942 von einem japanischen U-Boot torpediert und gut zwanzig Jahre später von einem Vulkanausbruch ins Meer geschoben. Kaum ein anderes Weltkriegswrack ist so mühelos zu erreichen - und kaum eines erzählt eine so eigenwillige Geschichte.

Vom Uferkies zum Wrack in wenigen Minuten

Das Besondere an diesem Tauchgang zeigt sich schon vor dem Abtauchen. Man legt die Ausrüstung am Strand an, tastet sich über die glatten Steine ins Wasser - feste Füßlinge sind hier Gold wert - und schwimmt über dunklen Sand hinaus. Nach wenigen Metern tauchen die ersten bewachsenen Stahlstrukturen aus dem Blau auf. Es gibt keinen Bootsplan, keine Abfahrtszeiten, keine lange Anfahrt: Wer um fünf Uhr morgens im Wasser sein will, ist um fünf Uhr morgens im Wasser. Genau diese Freiheit hat die Sonnenaufgangs- und Nachttauchgänge an der Liberty zu einem festen Ritual gemacht. Und weil der Einstieg so unkompliziert ist, lassen sich an einem einzigen Tag problemlos mehrere Tauchgänge am Wrack absolvieren, jeder mit einer anderen Route und einem anderen Licht.

Ein Transporter aus dem Ersten Weltkrieg

Die Geschichte des Schiffs reicht weiter zurück, als viele Taucher ahnen. Die Liberty wurde 1918 gebaut, in der Endphase des Ersten Weltkriegs, und diente den Vereinigten Staaten als Fracht- und Transportschiff. Die Zwischenkriegsjahre verbrachte sie im zivilen Dienst, ehe sie mit Beginn des Pazifikkriegs erneut für militärische Aufgaben herangezogen wurde - nun unter der Bezeichnung USAT Liberty, wobei USAT für United States Army Transport steht. Mit rund 120 Metern Länge war sie ein stattliches Schiff, deutlich größer als die meisten künstlich versenkten Riffe. Diese Dimension spürt man unter Wasser bis heute: Wer das Wrack der Länge nach abtaucht, braucht dafür einen guten Teil seines Tauchgangs.

Der Torpedo in der Lombokstraße

Im Januar 1942, nur wenige Wochen nach dem Angriff auf Pearl Harbor, war die Liberty in der Lombokstraße östlich von Bali unterwegs. An Bord befand sich unter anderem eine Ladung aus Eisenbahnmaterial und Kautschuk - kriegswichtige Güter in einer Region, die gerade in den Strudel des Pazifikkriegs geriet. Am 11. Januar 1942 traf sie ein Torpedo des japanischen U-Boots I-166. Das Schiff sank nicht sofort. Zwei alliierte Zerstörer, die amerikanische USS Paul Jones und die niederländische HNLMS Van Ghent, nahmen den schwer beschädigten Transporter in Schlepp und versuchten, ihn an die Nordküste Balis zu bringen. Doch die Liberty nahm zu viel Wasser auf. Um sie nicht im tiefen Wasser zu verlieren, setzte man sie am Strand von Tulamben auf Grund, wo Ladung und Ausrüstung geborgen werden konnten.

Zwanzig Jahre am Strand - dann kam der Vulkan

Über zwei Jahrzehnte lag der Rumpf als rostendes Mahnmal oberhalb der Wasserlinie, ein vertrauter Anblick für die Menschen in Tulamben. Dann brach 1963 der Agung aus, Balis höchster Vulkan. Die Eruption verwüstete ganze Landstriche der Region Karangasem und forderte weit über tausend Menschenleben; sie gehört zu den schwersten Vulkankatastrophen Indonesiens im zwanzigsten Jahrhundert. Die Erschütterungen und Lavaströme verschoben den gestrandeten Rumpf und drückten ihn vom Ufer hinunter auf den Sandhang, wo er sich ungefähr parallel zum Strand ablegte. So entstand durch eine bittere Verkettung von Krieg und Naturgewalt ein Tauchplatz, wie man ihn kaum planen könnte: nah genug am Ufer für einen kurzen Anschwimmweg, oben flach genug für Schnorchler, an der seewärtigen Seite tief genug für erfahrene Taucher.

Ein Rundgang durch das Wrack

Die flachsten Aufbauten beginnen bei etwa fünf Metern, die tiefsten Bereiche liegen bei rund dreißig Metern - eine Spanne, die viele verschiedene Profile erlaubt. Ein klassischer erster Tauchgang führt über den Sand zur tieferen, seewärtigen Seite des Rumpfes und dann in Ruhe über die Aufbauten zurück in die Flachwasserzone, wo der Sicherheitsstopp zum Sightseeing wird. Torpedotreffer, Bergungsarbeiten und der gewaltsame Weg ins Meer haben das Schiff weit aufgebrochen. Die Liberty ist kein geschlossenes Wrack mit heiklen Durchdringungen, sondern ein weitläufiges, kollabiertes Stahlgerüst aus Laderäumen, Kesseln, Spanten und Plattenresten, durchzogen von Öffnungen und Durchschwimmmöglichkeiten, in die das Licht in breiten Bahnen fällt. Fotografen lieben genau dieses Zusammenspiel: blaues Wasser, schwarzer Sand und korallenbewachsene Träger. Wer mehrere Tauchgänge einplant, kann sich das Wrack in Abschnitte einteilen - einmal die tiefe Seite in Ruhe abtauchen, einmal gezielt die Aufbauten und Durchbrüche erkunden, einmal nur mit der Kamera in der Flachwasserzone bleiben. Auch nach dem dritten oder vierten Tauchgang entdeckt man noch Details, die einem zuvor entgangen sind, denn die schiere Größe der Anlage lässt sich in einem einzigen Durchgang schlicht nicht erfassen. Nachttauchgänge setzen noch einmal einen ganz eigenen Akzent: Dann öffnen sich die Korallenpolypen, Jäger gehen auf Patrouille, und im Schein der Lampen wirkt das aufgebrochene Stahlgerüst beinahe theatralisch.

Gärtneraale, Schwärme und Büffelkopf-Papageifische

Mehr als sechs Jahrzehnte unter Wasser haben aus dem Stahl ein echtes Riff gemacht. Weichkorallen, Schwämme und Gorgonien überziehen die Strukturen, und im Sand rund um das Wrack wiegen sich Kolonien von Gärtneraalen, die bei Annäherung lautlos im Boden verschwinden. Über den Aufbauten kreisen dichte Schwärme, darunter die Großaugen-Makrelen, die sich immer wieder zu wirbelnden Türmen formieren; dazu kommen Süßlippen, Fledermausfische und gelegentlich Barrakudas. Die berühmtesten Bewohner sind jedoch die Büffelkopf-Papageifische: wuchtige Tiere mit markanter Stirn, die sich am zuverlässigsten im ersten Morgenlicht zeigen - der eigentliche Grund, warum der Tauchgang bei Sonnenaufgang hier zur Institution geworden ist. Auch Freunde der Makrofotografie kommen auf ihre Kosten, denn zwischen dem Bewuchs verstecken sich Nacktschnecken, Garnelen und andere Winzlinge.

Praktisches für Tulamben

Tulamben liegt im Regierungsbezirk Karangasem, einige Autostunden von den touristischen Zentren im Süden Balis entfernt, und das Wrack prägt das ganze Dorf. Tauchbasen, Unterkünfte und Warungs reihen sich entlang der Küstenstraße, und die Träger von Tulamben - viele von ihnen Frauen, die Flaschen mit verblüffender Leichtigkeit über den Strand balancieren - sind längst Teil der lokalen Identität. Getaucht werden kann das ganze Jahr über; die Sicht schwankt mit Jahreszeit und Regen, und bei auflandigem Schwell verlangt der steinige Einstieg etwas mehr Aufmerksamkeit. Der einzige echte Wermutstropfen ist die Popularität des Platzes: Am späten Vormittag kann es voll werden. Die beste Antwort darauf ist der frühe Start - im goldenen Morgenlicht, wenn die Büffelköpfe unterwegs sind, hat man das Wrack mit etwas Glück fast für sich allein. Für die Planung lohnt es sich, mindestens zwei bis drei Tage im Dorf einzukalkulieren: So lassen sich Sonnenaufgangs-, Tages- und Nachttauchgänge kombinieren, und nebenbei bleibt Zeit für die übrigen Riffe und Hänge entlang derselben Küste, die für sich genommen ebenfalls einen Besuch wert sind. Anfänger und Schnorchler fühlen sich in den flachen Bereichen wohl, während die tiefe, seewärtige Seite erfahrenen Tauchern ein volleres Profil bietet - kaum ein berühmtes Wrack ist so zugänglich für alle Ausbildungsstufen wie dieses.

Auf der Karte

Die USAT Liberty ist einer von vielen Wrack- und Rifftauchplätzen, die wir weltweit erfasst haben, und im größeren Zusammenhang wird die Reiseplanung deutlich leichter. Öffnen Sie unsere interaktive Karte, suchen Sie die Nordostküste Balis, und Sie finden das Liberty-Wrack samt der Nachbarplätze entlang der Küste von Karangasem - der ideale Ausgangspunkt, um den Rest Ihrer Bali-Tauchreise zu planen.